Die Grenzwanderung in der Kulturfinanzierung

Finanzierung von Kunst und Kultur war, ist und wird immer ein wichtiges Thema sein. Vor allem in Zeiten knapper werdender Unterstützungen von Seiten der öffentlichen Hand, stehen große wie kleine Kulturorganisationen vor der Herausforderung neue Wege zu finden. Wir haben Eva Engelberger zum Interview getroffen. Seit mehr als 15 Jahren ist sie in der Wiener und internationalen Kunstszene unterwegs. Seit 2005 arbeitet sie als Pressesprecherin im mumok und hat im Sommer 2012 den Bereich Fundraising, Sponsoring und Membership übernommen.

 

KLASSISCH UND INNOVATIV

Klassische Einnahmequellen, wie Ticketing, Vermietung oder Shopeinnahmen, werden neben Sponsoring auch in Zukunft für Museen zentral sein. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch mit neuen Wegen, wie den Weiterverkauf von Ausstellungen oder Fundraising auseinander setzen. Durch Innovation in Kulturorganisationen müssen wir versuchen, den öffentlichen Sektor teilweise zu substituieren. Verstärkt wird es darum gehen BürgerInnen, BesucherInnen und InteressentInnen für Museen, Theater oder eigene Projekte zu begeistern und sie zu motivieren kulturelle Beiträge mitzufinanzieren: Crowdfunding, klassisches Fundraising, Membership, Audiencedevelopement –  diese Möglichkeiten müssen wir neu denken.

 

BESUCHER_INNEN

Eine stufenweise erfolgende Bindung ist wichtig. BesucherInnen müssen motiviert werden wieder zu kommen: Wo holst du die Menschen ab und welche Möglichkeiten gibst du ihnen, sich Zuhause zu fühlen, wohlzufühlen, mitzugestalten? Das beginnt bei Storytelling und hört mit konkreten Angeboten auf: Kinderkunstvermittlung, Seniorenführungen, kostenlose Mitgliedschaften, klassische Freundeskreise. Das Kulturprojekt steht nicht für sich allein. Wir haben die Möglichkeit Benefits anzubieten und müssen einen Beweggrund bieten, warum die BesucherInnen mitmachen, warum sie wiederkommen, warum sie sich engagieren sollen.

 

BEST PRACTICE

Zurzeit beschäftigen wir uns vor allem mit Modellen von Mitgliedschaften oder Freundeskreisen. So schauen wir uns Kulturorganisationen im anglosächsichen Raum an, wo finanzkräftige Individuen und Unternehmen sich einer Institution zuwenden und sich sehr klar damit identifizieren.

In der Wiener Szene gibt es immer wieder Projekte, die interessant sind. Als Beispiel kann ich das Kunsthistorische Museum Wien nennen: Ein Haus, das der alten Kunst verschrieben ist, baut seit einigen Jahren Brücken  in die zeitgenössische Kunst. Mit Gesprächs- und Ausstellungsreihen im Theseus-Tempel beschreiten sie so ein neues Terrain und sprechen dadurch sehr erfolgreich einen erweiterten BesucherInnen- und DonatorInnenkreis an.

Wir haben im mumok im  letzten Jahr bei der Ausstellung ›and Materials and Money and Crisis‹ einen jungen Kurator vom ›Artists Space‹ in New York eingeladen. Damit brachten wir eine völlig neue KünstlerInnenszene nach Wien, die hier speziell für diese Ausstellung Arbeiten konzipiert hat. Obwohl die Ausstellung inhaltlich sehr gelungen ist, gab es außer von Fachkreisen und der Presse vergleichsweise wenig Resonanz. Daraus müssen wir lernen:  Was machen wir das nächste Mal anders? Wie können wir das Besondere besser kommunizieren? Wie gehen wir mit solchen Risiken um? Wir sind dennoch der Meinung, dass wir solche Experimente wagen müssen.

 

KREATIVITÄT, MUT UND OFFENHEIT

Jeder Euro, der reinkommt, ist wertvoll für die Umsetzung von Kunst und Kultur. Es ist egal, ob man GroßspenderInnen hat oder viele, viele KleinspenderInnen. Die sind genauso wertvoll. Aus einem Sichtpunkt der Bindung, des Wiederkehrens und des ständigen Aufbaues kann das sogar wichtiger sein. Langfristig müssen wir den Weg beschreiten das Publikum zu motivieren am Kulturleben zu partizipieren und zu spenden.

Die Emotionen der InteressentInnen anzusprechen ist dabei wichtig. Die Menschen müssen hinter einer Organisation und ihrem gesellschaftlichen Anspruch stehen. Es gibt auch Kooperationsprojekte zwischen Kulturorganisationen und sozialen Unternehmungen. In dieser Art der Zusammenarbeit und gegenseitigen Befruchtung steckt noch viel kreatives Potential.

Kreativität, Mut und Offenheit wird für die erfolgreiche Weiterentwicklung im Kulturbereich grundlegend sein.

Natürlich gibt es auch Menschen, die sich einen Besuch im Museum nicht leisten können. Dafür gibt es tolle Initiativen wie z.B. Hunger auf Kunst und Kultur. In unserer Kunstvermittlung gibt es beispielsweise Bemühungen über Bussponsoring Kindern aus entlegenen Gebieten oder Bezirken Museumsbesuche zu ermöglichen.

 

KULTURSPONSORING DER ZUKUNFT

Kultursponsoring hat sich in den letzten Jahren rasant verändert. Es funktioniert nicht mehr, dass wir für ein fertiges ›Produkt‹ ein Unternehmen finden. Aus verschiedenen Gründen wird es immer unwahrscheinlicher werden: Wir fischen alle im gleichen Teich und Unternehmen werden mit ganz anderen Situationen konfrontiert. Es wird daher in Zukunft immer schwieriger werden, für statische Einzelprojekte wie  Ausstellungen Geld zu lukrieren.

In Zukunft wird es darum gehen, mit Sponsoren gemeinsam Projekte zu entwickeln, die langfristig mehr Empathie erzeugen

 

LUST AUF KULTUR

Vermittlung wird in Zukunft noch wichtiger werden. Es ist gut und richtig, dass z.B. Ausstellungen von Fachleuten kuratiert werden – auch wenn es schon einzelne gute Beispiele gab, die zeigten, dass dies nicht zwingendermaßen so sein muss. Vor allem geht es aber darum, die von Fachleuten kreierten Projekte für BesucherInnen schmackhaft und attraktiv zu machen und vermittelnde Elemente und das Rahmenprogramm bereits in der Konzeption eines Kulturprojektes mitzudenken. In skandinavischen Ländern gibt es z.B. sehr tolle Beispiele: In eigens konzipierten Ausstellungsmodulen können Kinder vor Ort zeichnen und sich mit der Ausstellung auseinandersetzen. Natürlich stehen wir im Hinblick auf Apps, Audioguides und Führungen erst am Anfang des Möglichen. Wir müssen aber auf jeden Fall authentisch und souverän bleiben. Ich glaube man kann sich jedoch im Hinblick auf WIE gestaltet man und WIE ermöglicht man Zugänge, öffnen. Es geht darum Lust auf Kultur zu machen.

Foto: mumok

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