WOZU KULTUR?

EIN BLICK AUF DIE POTENTIALE KULTURELLER BILDUNG IM FREIZEITBEREICH

von Markus Bassenhorst

Menschen für Kunst und Kultur zu interessieren, sie zur Rezeption und zur künstlerisch-kreativen Auseinandersetzung mit sich sowie der Gesellschaft und zur kulturellen Teilhabe zu bewegen – das sind die Herausforderungen der Kunst- und Kulturinstitutionen, der kunst- und kulturpädagogischen Einrichtungen und auch der Volkshochschulen, aus deren Blickwinkel die folgenden Überlegungen formuliert wurden. Der Blick auf Volkshochschule, deren Bildungsangebot eine Vielzahl rezeptiver und praktischer Kurse zu Kunst- und Kulturtechniken umfasst, bietet sich an. Ihre kulturelle Bildungsarbeit richtet sich an Menschen, die die Institution Schule hinter sich gelassen haben. Von beruflicher Fortbildung losgelöste kulturelle Erwachsenenbildung findet im zeitlichen Bereich der Freizeit statt und steht damit ähnlichen Herausforderungen gegenüber, wie die öffentlichen Kunst- und Kulturinstitutionen, die ihre Angebote ebenfalls im Bereich der Freizeit vermitteln.

Hier soll die These vertreten werden, dass die Gesellschaft, deren Kulturinstitutionen Errungenschaften eines Bildungsbürgertums vergangener Jahrhunderte sind, sich in entscheidenden Parametern verändert. Eine erfolgreiche kunst- und kulturpädagogische Arbeit kann nur gelingen, wenn die Bedingungen und Bedürfnisse der gegenwärtigen und zukünftigen Gesellschaften in die Strategien der Kunst- und Kulturvermittler Eingang finden. Dabei spielen nicht nur die Faktoren Erholung und Unterhaltung, sondern vor allem die persönliche Relevanz eine entscheidende Rolle. Die Frage muss lauten: Was brauchen Menschen im kulturellen und künstlerischen Freizeitbereich und wie können wir, die Kulturinstitutionen das bereitstellen.

FREIZEIT ALS GESELLSCHAFTLICHES PHÄNOMEN

Stieg im 18. Jahrhundert mit dem Beginn der Industrialisierung die Zeit der Arbeit in hohem Maße an, so nahm sie Mitte des 19. Jahrhunderts aufgrund der schlechten gesundheitlichen Zustände stark belasteter Arbeiter, der Technisierung von Arbeitsabläufen und der Durchsetzungskraft sozialer Bewegungen wieder ab. Es entstand der Lebensbereich der Freizeit, den der Duden 1929 in sein orthografisches Verzeichnis aufnahm und beschrieb als „Zeit, in der jemand nicht zu arbeiten braucht, keine besonderen Verpflichtungen hat; [eine] für Hobbys oder Erholung frei verfügbare Zeit.“ Diese Zeit wurde für politisches Engagement, Geselligkeit und kulturelle Bildung genutzt. Vor allem das gesellschaftlich hoch gestellte Bildungsbürgertum wies der Freizeit eine klare Rolle zu: „Sie hatte der Bildung zu dienen, durch Reisen, Theater- und Museumsbesuche, dem Wissenserwerb und der beruflichen Fortbildung.“ (Schultz, S.21). Seit den 1950er Jahren, der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, erhöhte sich auch der „Freizeit-Etat“ der Bevölkerung, der mit Konsumgütern gefüllt wurde, die zumeist der Erholung oder der Unterhaltung dienten.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts besitzt die Erholung einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Die körperliche Ertüchtigung sowie das Genießen von Licht und Luft wurden zu wichtigen Faktoren eines erfüllten Lebens. Auch heute wird Freizeit stark durch Regenerationsangebote besetzt, die mit Fitness-Centern, Wellness-Oasen und neuen Trendsportarten locken. Die Freizeit gehört zu den wirtschaftlich stark umkämpften Bereichen menschlichen Lebens.

Dies gilt auch für den Bereich Unterhaltung. In 2013 nutzte jeder Bundesbürger durchschnittlich 221 Minuten pro Tag das Fernsehangebot (Gerhard/Zubayr, 147), hinzu kommt die stark wachsende Zahl der Internetnutzer und auch die Unterhaltungselektronik hat sich zu neuen Sphären des Home-Entertainments aufgeschwungen.

Die zumeist von Subventionen abhängige kulturelle Bildung erscheint gegenüber enorm kapitalisierten Freizeitmärkten mit seinen finanzkräftigen Werbemaschinerien in schwacher Position. Zwar gehören die Kunst- und Kultureinrichtungen zum Selbstverständnis unserer Gesellschaft, doch werden für die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur weit weniger Anstrengungen der Erarbeitung von Wissen aufgebracht, als es für das Bildungsbürgertum des beginnenden 20. Jahrhunderts noch selbstverständlich war. So stellt sich in Zeiten sinkender Besucherzahlen nicht nur für Volkshochschulen die Frage, wie zukünftig mehr Menschen für rezeptive und praktische Kulturangebote gewonnen werden können.

Kulturelle Erwachsenenbildung im Freizeitbereich tut gut daran, die Bedürfnisse nach Erholung und Unterhaltung im Kopf zu behalten, bei hoher inhaltlicher Qualität und pädagogischen Zielsetzungen. Entscheidend ist jedoch die Relevanz der Angebote, die Menschen dazu bringen, das kulturelle Bildungsangebot anderen Freizeitverlockungen vorzuziehen. Es gilt daher, an Bedürfnissen und Interessen anzusetzen, die sich auch aus aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen ableiten lassen. Dies soll hier an den Beispielen „Kulturelle Hintergründe“, „Lernorten“ und „Rahmensetzungen“ verdeutlicht werden.

RELEVANZ KULTURELLER HINTERGRÜNDE

Etwa 20% der bundesrepublikanischen Bevölkerung verfügt über eine Zuwanderungsgeschichte. Diese Gruppe wird von öffentlichen Kultureinrichtungen, wie etwa Theater, Museen und Konzerthäusern nicht ausreichend bedacht. So gaben die im Rahmen einer Studie von Susanne Keuchel befragten Kulturinstitutionen an, dass sich nur 1% ihrer Bildungsangebote inhaltlich explizit an Migranten richte. (Keuchel, 1) Will man diese heterogene Gruppe der Bevölkerung erreichen, müssen zukünftig Themen, die sich an ihren Herkunftskulturen orientieren mitgedacht werden und neue Wege zur Erreichung dieser Menschen beschritten werden.

INTENTIONALE STATT INSTITUTIONELLE ORTE

Orte der kulturellen Bildung müssen so attraktiv sein, dass Menschen an diesen die Möglichkeit zur Entfaltung erfahren. Es ist das pädagogische Augenmerk darauf zu richten, dass Lernräume Wahrnehmungs- und Handlungsräume erschließen. Primäre Lernräume, wie sie die Institution Schule bereithält, müssen gegenüber intentionalen Räumen, in denen „Lebensnähe durch das Aufgreifen gesellschaftlicher Kontexte, Anschaulichkeit durch sinnliche Erfahrbarkeit oder verstärkte Möglichkeiten der Selbstbestimmung angesichts geringerer didaktischer Steuerung“ (Faulstich, 209) zurückgestellt werden. Der Pädagoge Faulstich erklärt, dass „die Bedeutsamkeit von Lernorten durch die Gründe der Lernenden vermittelt“ (S.210) wird. Die jüngst erschienene Kritik Daniel Tyradellis´ an gängiger Museumspraxis (Tyradellis, S.22ff) und ihrem Dogma des Konservierens von Artefakten zeigt dabei den Ausweg in der Relevanz der gestalteten Räume für die Besucher von Museen.

RAHMENSETZUNG STATT THEMENVORGABE

Die kulturelle Erwachsenenbildung praktiziert häufig eine tradierte Form bei der Bereitstellung kultureller Bildungsangebote: Kurse und Reihen werden aus erwarteten Bedarfen inhaltlich detailliert geplant und ausgeschrieben. Vielversprechend scheint jedoch auch die Bereitstellung von Strukturen und Ressourcen für Projekte und Themen, die von Menschen selbst als relevant und interessant erachtet werden. Initiativen und Projekte aus der Region sind einzuladen, mit den Ressourcen kultureller Bildungseinrichtungen ihre Aktivitäten besser umzusetzen. So entstanden beispielsweise an Volkshochschulen Repair-Cafés, Artotheken, offene Galerien, erste FabLabs, in denen Bürgerinnen und Bürger an 3D-Druckern tüfteln und auch offene Werkstätten, in denen jeder zu der ihm passenden Tageszeit einkehren und sich kreativ betätigen kann. Flankiert werden diese Räume von Bildungsangeboten, die sich die Nutzer dieser Lernräume wünschen. Beispielhaft kann auch das Projekt Hörpfade genannt werden, das Menschen die Möglichkeit bietet, die ihnen wichtigen Orte und regionalen Besonderheiten in Hörbeiträgen zu beschreiben und über eine App zu publizieren.

Viele gesellschaftliche Entwicklungen, sei es die Einweg-Mentalität der Konsumgesellschaft, die Beschleunigung der Kommunikation, oder auch soziale Entwurzelung stärken das Bedürfnis nach Räumen, in denen Menschen Erholung, Erfüllung und Entfaltung finden. Kulturelle Bildung wird vor allem dann gelingen, wenn sie nicht nur Unterhaltung oder Erholung von der Arbeitswelt bietet, sondern für den einzelnen Menschen wichtig wird für ein erfülltes und gelingendes Leben. Allen Menschen den Raum und den passenden Rahmen zur Entfaltung zu bieten, ist die Aufgabe einer kulturellen Bildung von morgen.

 

Markus Bassenhorst studierte Theaterwissenschaft und ist Fachreferent im Bayerischen Volkshochschulverband e. V. für die Themenbereiche Kultur und Gesellschaft.

Literatur
Tyradellis, Daniel: Müde Museen. Oder: Wie Ausstellungen unser Denken verändern könnten. Hamburg, 2014
Faulstich, Peter: Orte intentionalen Lernens. In: Lernräume und Lernorte. Hessische Blätter für Volksbildung, 63. Jg., 2013, Hft. 3
Schulz, Andreas: Lebenswelt und Kultur des Bürgertums im 19. und 20. Jahrhundert. (=Enzyklopädie deutscher Geschichte, Band 75), München, 2005
Gerhard, Heinz / Zubayr, Camille: Tendenzen im Zuschauerverhalten. In: Media Perspektiven, Hft 3, 2014, Frankfurt a. Main
Keuchel, Susanne: Interkulturelle Bildung. Handlungsfeld in „klassischen“ Kultureinrichtungen? In: interkultur, Beilage zu politik & kultur, Ausgabe 10, 2010

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