Es fliegt niemandem einfach so zu!

ALUMNI UND FESTIVALLEITER GEORG STEKER IM GESPRÄCH

Georg Steker und Thomas Desi

Georg Steker und Thomas Desi ©Nick Mangafas

Georg Steker ist Mitbegründer und künstlerischer Leiter der Musiktheater Company progetto semiserio. Er hat zuvor das künstlerische Betriebsbüro des Wiener Schauspielhauses geleitet und war mehrere Jahre als Produktionsleiter tätig, unter anderem für Linz09-Kulturhauptstadt Europas und die Wiener Festwochen. 2005 schloss er am Institut für Kulturkonzepte den Lehrgang zu Kulturmanagement ab.

DU BIST GRÜNDER UND KÜNSTLERISCHER LEITER DER MUSIKTHEATERTAGE WIEN. DIE VERANSTALTUNG FAND ENDE AUGUST/ANFANG SEPTEMBER STATT. WARUM HABT IHR EUCH FÜR DIESEN TERMIN ENTSCHIEDEN?

Wir haben uns für eine Spielzeit Ende des Sommers entschieden und es bestätigt sich, dass das ein guter Termin für das Publikum ist. Alle sind wieder zurück in der Stadt und haben Lust auf Theater. Allerdings liegt davor das Sommerloch, was organisatorisch nicht immer einfach ist – aber ich konnte dadurch auch gar nicht so viel arbeiten, wie ich gewollt hätte. So gesehen hatte ich zu Festivalstart ausreichend Energie!

WIE SIEHT DEIN ARBEITSALLTAG AUS, WAS MACHST DU ALS KÜNSTLERISCHER LEITER? WO LIEGEN DIE HERAUSFORDERUNGEN UND WAS GEFÄLLT DIR BESONDERS AN DEINER ARBEIT?

Ich hab mich in den letzten 10 Jahren immer zwischen Selbständigkeit, also eigenen Produktionen, und der Mitarbeit in Institutionen bewegt. Mit den MUSIKTHEATERTAGEN WIEN, einem auf 4 Jahre konzipierten Projekt, bin ich jetzt im Moment ausschließlich selbständig, und das gefällt mir gut. Ich habe aber diese Selbständigkeit, die Eigenverantwortung in den letzten Jahren auch gut genug geübt, um mit dem Risiko, dass etwas schiefgehen kann, auch umgehen zu können.

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ZWISCHENFRAGE: WIE KANN MAN DENN DAS ÜBEN?

Die Tätigkeiten bei anderen Institutionen war für mich sehr wichtig, einerseits zur ökonomischen Sicherheit und andererseits konnte ich dort auch viel Erfahrung sammeln, z.B. durch meine Tätigkeit für die Kulturhauptstadt Linz oder bei den Wiener Festwochen. Dort kann man viel bewegen, wobei man nie die Letztverantwortung hat. Es gibt immer noch ein oder zwei Personen über einem, die etwas abfedern können. Es war eine Phase, in der ich sehr viel gelernt habe.

Wichtig war für meine professionelle Laufbahn auch die Umsetzung unterschiedlicher, kleinerer eigener Projekte. Es hat gut getan, in den letzten Jahren immer wieder eigene Projekte mit Letztverantwortung voranzutreiben, die immer zahlreicher und größer wurden. Es fühlt sich anders an, Entscheidungen zu treffen, wenn man diese letztendlich alleine veranworten muss.

Aber zurück zu meiner jetzigen Haupttätigkeit, ich bin künstlerischer Leiter, aber auch Geschäftsführer der MUSIKTHEATERTAGE WIEN, das heißt, ich bin gemeinsam mit Thomas Desi für die kaufmännische und künstlerische Seite des Festivals verantwortlich. Wir teilen die Arbeit nach Ressorts oder Bereichen, je nach Erfahrung. Es war eine gute Übung, zu sehen, wo die eigenen Grenzen sind, wo der Kollege besser oder schneller arbeitet und zu lernen, dass man Dinge abgeben muss.

Mein Alltag ist ein Bürojob. Ich hab leider nicht so viel Gelegenheit, bei Proben dabei zu sein, wie man sich das vorstellt, wenn man ein Festival für zeitgenössisches Musiktheater konzipiert.

In meiner Arbeit fließen unterschiedliche Kompetenzen zusammen. Ich hab ein gutes Gespür, Produktionen zu besetzen und zu erkennen, welche Themen sich für das Musiktheater eigenen. Ich bin nicht Komponist, Regisseur oder Autor. Ich gehe nicht in den Bereich des tatsächlich Kreativen. Meine Aufgabe ist es, das richtige Leading-Team zu finden, das ein Stück künstlerisch umsetzt – und dran zu bleiben, zu sehen, wo es hingeht und vielleicht manchmal lenkend einzugreifen. Das ist nicht immer einfach, weil Teams oft ihre eigenen Vorstellungen haben. Man könnte es als eine Art künstlerische Produzentenrolle bezeichnen.

Es geht um ein Ermöglichen und für mich nicht zwingender Weise um ein künstlerisches Selbermachen – obwohl es diese Kombination auch gibt. Ich sehe die Aufgabe einer künstlerischen Leitung darin, alle, die man braucht um ein Stück entstehen zu lassen, zu finden, darauf zu achten, dass das Team gut zusammenpasst, gut arbeitet und funktionieren kann.

Ich geh meistens mit einem Thema voran und suche ein Team, das meinen Vision teilt. Es war aber auch schon umgekehrt, dass jemand ein Thema an mich herangetragen hat und wir haben ein Stück draus gemacht.

In der Dimension der MUSIKTHEATERTAGE WIEN gibt es meist nicht das Budget für eine eigene künstlerische und kaufmännische Leitung. Ich bin stolz darauf, dass ich mir in den letzten Jahren – unter anderem durch die Weiterbildung am Institut für Kulturkonzepte – den kaufmännischen Bereich soweit erarbeitet habe, um einen guten Überblick zu behalten. Ich hab eine Einschätzung dazu, was Dinge kosten dürfen und ich kann budgetieren. Ich weiß aber auch, welche Bereiche ich auslagere, z.B. die Buchhaltung.

Wenn man vorhat, ein Festival in dieser Dimension zu organisieren, muss man auf jeden Fall eine Ahnung vom künstlerischen wie auch dem finanziellen/organisatorischen Bereich haben. Man hat ja letztlich auch die Verantwortung für alles.

WELCHEN STELLENWERT HAT WEITERBILDUNG FÜR DICH UND WAS HAT SICH FÜR DICH KONKRET DURCH DEN ABSCHLUSS DES LEHRGANGS ZUR KULTURMANAGEMENT GEÄNDERT?

Den Lehrgang hab ich vor genau 10 Jahren abgeschlossen. Ich wusste anfangs gar nicht so genau, was ich vom Lehrgang erwarten kann, aber ich hab relativ schnell erkannt, was er mir bringt. Es ist ein Paradigmenwechsel, anzuerkennen, dass die Arbeit im Kulturbereich, im Kulturmanagement, eine ernstzunehmende, professionelle und gut zu lernende Tätigkeit ist. Ich kam ja aus dem Eck, wo man als Künstler – in meinem Fall als Sänger – begonnen hat, etwas für sich selbst zu organisieren – Auftritte, Konzert mit Kollegen. Irgendjemand musste dann neben der Kunst eben auch noch die Organisation übernehmen.

Mit dem Lehrgang hab ich verstanden, dass das ein eigenes Berufsbild ist, das spezielle Kompetenzen erfordert. Meine Haltung hat sich verändert. Das hat zum einen natürlich mit den Impulsen, dem Inhalt zu tun, der einem vermittelt wird, zum anderen aber auch stark mit den Menschen, denen man in der Weiterbildung begegnet. Mit den DozentInnen, die ja unter anderem auch Beispiele möglicher Karrieren verkörpern, und mit den KollegInnen, durch die man unterschiedliche Zugänge und Projekte kennenlernt. Seither habe ich dieses Wissen im Job weiter entwickelt.

AUS DEINER ERFAHRUNG IM KULTURBEREICH, GIBT ES ETWAS, DAS DU BERUFSEINSTEIGER/INNEN MIT AUF DEN WEG GEBEN MÖCHTEST?

Ja, auf jeden Fall. Ich will allen sagen, dass alle nur mit Wasser kochen. Das ist eine beruhigende Erkenntnis und macht vieles leichter. Es fliegt niemandem einfach so zu.

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Kategorien:AbsolventInnen

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