Kunstpraxis in der Migrationsgesellschaft

REZENSION ZUR NEUEN PUBLIKATION VON IVANA PILIĆ UND ANNE WIEDERHOLD

Der KunstSozialRaum „Brunnenpassage“ wurde 2007 in einer ehemaligen Markthalle des 16. Wiener Gemeindebezirks gegründet. Die Initiative versteht sich als offener Raum für transkulturelle und partizipative Kunst(-prozesse). Ziel der „Brunnenpassage“ ist es, breiten Teilen der Gesellschaft die Teilhabe an Kunst zu ermöglichen. Dabei stehen besonders Menschen mit Migrationshintergrund aus bildungsfernen und sozial schwachen Milieus im Mittelpunkt.

Die Autorinnen des Buches, Ivana Pilić und Anne Wiederhold, bilden die künstlerische Leitung der „Brunnenpassage“. Die Schwerpunkte ihrer Tätigkeit liegen in der Erarbeitung und Anwendung von Partizipationskonzepten, Programmentwicklung und transkultureller Kunstpraxis.

Lets Colour Projekt Vienna 28.06.-01.07.2012

Brunnenpassage © Bert Schifferdecker

AUSGANGSLAGE

Um das Menschenrecht auf kulturelle Bildung und Teilhabe zu realisieren, muss die Kulturpolitik einen Perspektivenwechsel vornehmen. Die Kopplung von sozialer Zugehörigkeit und künstlerischer Partizipation muss anerkannt werden – marginalisierte Gruppen können nur auf neuen Wegen erreicht werden. Das Buch versteht sich als richtungsweisende Expertise für alle, die entsprechende Kunstprojekte realisieren wollen.

THEORETISCHE GRUNDBEGRIFFE

Das Grundgerüst der praktischen Arbeit der „Brunnenpassage“ bilden theoretisch-konzeptionelle Überlegungen. Diese werden im Hauptteil klar und reflektiert erläutert.

  • Der erweiterte Kulturbegriff betont ebenbürtige Teilhabe, aktive Einbindung und thematische Öffnung in alle gesellschaftlichen Richtungen.
  • Kultur als Teil von Allgemeinbildung will klassische Repräsentationsformen von Kunst zugunsten einer demokratischen Form überwinden.
  • Die Unterrepräsentation von MigrantInnen im Kulturbereich beruht auf dem Bildungsniveau und weiteren migrationsspezifischen Gründen.
  • Der Begriff MigrantInnen selbst wird einer kritischen Reflexion unterzogen.
  • Eine Diskussion der aktuell vorherrschenden Diskurse der Kunstvermittlung und ihr Potenzial für einen partizipativen Vermittlungsansatz findet statt.
  • Kunst vor Ort strebt die Ausbreitung kultureller Angebote in die Stadtviertel an um die Lebensqualität zu verbessern und kulturelle Teilhabe zu ermöglichen.

Brunnenpassage_Fotomosaik_5_Jahre

Brunnenpassage © Bert Schifferdecker

DAS KONZEPT DER BRUNNENPASSAGE – PRAKTISCHE EINBLICKE

Die soziale und kulturelle Vielfalt der Zielgruppe spiegelt sich in den Veranstaltungen der „Brunnenpassage“ wider. Das Programm umfasst Tanz, Musik und Gesang, Theater und Storytelling und setzt auf Formate, die das Publikum einbinden. Alle Veranstaltungen sind kostenlos. Ein wichtiger Bestandteil des Konzepts sind neben der lokalen Vernetzung die Kooperation mit etablierten Kulturinstitutionen und die internationale Zusammenarbeit.

Im Praxisteil stellen die Autorinnen acht Projekte vor und geben konkrete Einblicke in die Arbeit der „Brunnenpassage“. Die Bandbreite reicht vom gemeinsamen Frühstück über eine DJane-Workshopreihe bis zur umfangreichen Theaterproduktion mit Uraufführung im Wiener Volkstheater. Perspektiven auf und Erfahrungen mit herausfordernden Situationen in der transkulturellen Kulturpraxis werden thematisiert, Projekte praxisnah dargestellt, Konzepte und Zielgruppenarbeit transparent gemacht. Bilder, Textauszüge und Stimmen zu den Projekten runden das Kapitel ab.

 UNSERE EMPFEHLUNG

Das Buch verbindet theoretische Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Migration und der Teilhabemöglichkeit an Kunst mit praktischen Ansätzen der Förderung künstlerischer Teilhabe. Damit bietet es einen wertvollen Ideenpool und Erfahrungsschatz für alle, die sich mit transkultureller und aufsuchender Bildungsarbeit im Bereich Kunst und Kultur auseinandersetzen wollen. Die theoretischen Vorüberlegungen und das darauf aufbauende methodische Konzept der „Brunnenpassage“ sind übersichtlich und sehr verständlich dargestellt. Die Praxisprojekte überzeugen sowohl inhaltlich als auch von der Art und Weise der Darstellung. Dem Anspruch der Niederschwelligkeit entsprechend, enthält das Buch sowohl eine deutsche als auch eine englische Version. Der Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis ist hervorragend gelungen.

Wir gratulieren den Autorinnen zu dieser beeindruckenden Publikation und legen Ihnen dieses Buch wärmstens ans Herz!

Ivana Pilić, Anne Wiederhold (2015): Kunstpraxis in der Migrationsgesellschaft. Transkulturelle Handlungsstrategien am Beispiel der Brunnenpassage Wien. Wien: transcript.

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s