„Berlin ist pleite, aber das ist ja das Schöne.“

Ein Beitrag von Ulli Koch, Interview von Martin Wassermair

Seit 2014 hat Tim Renner das Amt des Staatssekretärs für kulturelle Angelegenheiten in Berlin inne. Kein leichter Job, schließlich kämpft die Stadt Berlin nun schon seit einiger Zeit mit finanziellen Problemen. Doch das sieht Renner nicht zwangsläufig als Hindernis. Vielmehr sieht er darin Chancen und Möglichkeiten, um kreativ-innovative Lösungsansätze zu finden. „Kunst, Kultur und die Kreativszene gehören zu den zentralen Ressourcen Berlins“, heißt es demnach auch auf der offiziellen Website, die vor allem den Standort Berlin als internationale Drehscheibe für Kunst und Kultur preist. Welche Bilanz Tim Renner bisher ziehen kann und wie er als Außenstehender die Kulturpolitik Österreichs wahrnimmt, hat er Martin Wassermair während des Symposiums „Matryoshka Effect“ verraten, das von der IG Kultur Steiermark im November 2016 veranstaltet wurde und sich mit der „Lage von Kunst und Kultur in zeitgenössischen kapitalistischen Gesellschaften“ beschäftigte.

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Kunsthaus Tacheles © Paola_Margari

Martin Wassermair: Seit zweieinhalb Jahren bist du nun Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten des Landes Berlin. Welche Bilanz kannst du bis dato ziehen?

Tim Renner: Es war bisher wahnsinnig viel Arbeit. Als Bilanz lässt sich vorerst ziehen, dass wir es auf jeden Fall gemeinschaftlich geschafft haben, die Rahmenbedingungen für die freien Szenen – also jenen KünstlerInnen, die ohne Netz und doppelten Boden arbeiten – erheblich zu verbessern. Wir beschäftigen uns gerade mit der Frage, wie sich die Stadt gestaltet, wie wir Räume erhalten, damit Kunstproduktion noch möglich ist. Gerade auch wie Kunstexposition im städtischen Bereich passieren kann und nicht wie in London, Paris oder New York, wo Kunst irgendwann eine Sache geworden ist, die bestenfalls an der Peripherie stattfinden kann.

Wassermair: Mit welchen Rahmenbedingungen ließe sich das städtische Zentrum für KünstlerInnen besonders schmackhaft machen?

Renner: Damit, dass man die Immobilien hat. Das Gute ist, dass Berlin nicht gerade arm an Immobilienbesitz ist. Die Hälfte des Landes Berlin gehört dem Land Berlin. Das beinhaltet natürlich auch Straßen, Parks und Wälder, die man nicht unbedingt bebauen wird, aber nichtsdestotrotz ist Grund vorhanden. Wir haben uns eine Sache gesichert, die entscheidend ist: Keine Immobilie des Landes Berlins kann mehr ungenutzt oder in den privaten Kauf gegeben werden, ohne dass die Kulturverwaltung das auch goutiert hat. Ein anderer wichtiger Punkt ist, KünstlerInnen zu ermöglichen, ihre Arbeitsplätze im Zweifel auch mal selbst zu erwerben, wenn sie in einer privaten Immobilie untergekommen sind. Dafür haben wir ein Bürgschaftsprogramm entworfen, denn KünstlerInnen bekommen normalerweise leider keine Kredite bei Banken. Zudem kann man kurzfristig agieren, indem man langfristige Mietverträge für künstlerische Arbeitsräume abschließt. Das tun wir. Wir haben mittlerweile 800 Arbeitsräume, die sicherstellen, dass KünstlerInnen, die darin arbeiten, nicht mehr zahlen müssen als notwendig.

Wassermair: Berlin galt ja noch vor nicht allzu langer Zeit als fast pleite. Wie lassen sich diese Maßnahmen finanzieren?

Renner: Berlin ist auch aktuell immer noch pleite, aber das ist ja das Schöne. In dem Moment, wo ich eh schon ruiniert bin, kann ich sehr viel entspannter nach vorne denken und muss nicht viel absichern. Berlin ist zwar ein Pleiteland, ist aber auch das Land in Deutschland mit den höchsten Wachstumsraten, sowohl als wirtschaftliche Kraft, die entsteht, als auch an Steuereinnahmen. Das Gute momentan ist die völlig desolate Zinspolitik, die es auch dem Land Berlin nicht unbedingt attraktiv macht, seine Schulden jetzt zurückzuzahlen. Stattdessen investiert man lieber einen Großteil dessen, was man jetzt neu reinbekommen hat. Hier fängt der schizophrene Bereich für einen Kulturpolitiker an: Um an diesen sprudelnden Steuereinnahmen zu partizipieren, muss ich natürlich ökonomisch argumentieren. Ich muss sagen und belegen können – und das kann man –, dass dieses enorme Wachstum, was diese industrielose Stadt Berlin hat, maßgeblich durch den kollateralen Nutzen von Kunst und Kultur induziert wird. Und das ist uns gelungen. Damit haben wir eine Steigerung von 11 % im Haushalt für Kunst bekommen und damit lässt sich etwas machen.

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© Denis Bocquet

Wassermair: Bei uns in Österreich ist mittlerweile die Krise deutlich angekommen. Wir alle bemerken rückläufige Budgets und Förderungen. Eine der Möglichkeiten, die in Österreich immer stärker angedacht wird, ist das unternehmerische Denken. Gibt es da in Berlin ähnliche Modelle, um dieses Denken zu fördern? Oder in welche Richtungen gehen die Überlegungen?

Renner: Es gibt Modelle, die diese Denkweise fördern und die sind auch richtigerweise beim Wirtschaftsministerium angesiedelt und nicht in der Kulturbehörde. Natürlich steht es den KünstlerInnen frei zu sagen: „Ich will in die wirtschaftliche Optimierung gehen. Ich will, dass meine Kunst breiter wahrgenommen, diskutiert, konsumiert wird.“ Okay, aber das ist nicht die Kernaufgabe von Kunst, dass dann ein wirtschaftlicher Prozess einsetzt. Es ist auch richtig, dass es Professionalisierungsseminare für KünstlerInnen gibt, die auch vom Staat finanziert werden. Wir vom Kulturressort versuchen sicherzustellen, dass KünstlerInnen ohne Ökonomisierungsgedanken überhaupt mal arbeiten können. Alles andere kommt dann später.

Wassermair: Du nimmst an einer kulturpolitischen Konferenz in Graz teil. Wie beurteilt ein Berliner Kulturpolitiker die Diskurse, die in Österreich aktuell Thema sind?

Renner: Wir beobachten mit Sorge den Kulturbegriff, der von konservativen Parteien verbreitet wird. Das ist bei uns vergleichbar mit der AfD und das halte ich für kontraproduktiv. Man darf einen Kulturbegriff nicht einengen, man muss ihn aus meiner Sicht im Gegenteil eher ausweiten. Und zum anderen erlebe ich mit einem gewissen Erstaunen, wie wenig die Kraft der Kultur als Element einer Phase der gesellschaftlichen Veränderung, eines wirtschaftlichen und produktionstechnischen Umbruchs erkannt wird. In Berlin wurde heftig gestritten, welche Partei das Kulturressort bekommt. Hier habe ich vorhin eine Grazer Politikerin kennengelernt, die das nicht glauben konnte. Sie meinte, das Kulturressort gelte in Österreich immer als Trostpreis. In Berlin ist es alles andere als der Trostpreis. Die Kulturabteilung ist eines der Kernressorts. Berlin ist an sich eine deindustrialisierte Stadt, und wenn ich mir die Entwicklung der Industrie 4.0 anschaue, dann ist das eine Situation, die zwangsläufig auch auf Österreich zukommt. Ich glaube, da kann man sich Sachen abschauen, die Berlin zwangsläufig schon anders machen muss.

Wassermair: Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Tim Renner ist seit 2014 Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten des Landes Berlin. Bereits seit den 1980er Jahren ist er kulturpolitisch aktiv.

Martin Wassermair arbeitet seit den 1990er Jahren in unterschiedlichen kulturpolitischen Feldern. Er hält Vorträge, moderiert und bietet Beratungstätigkeiten für die Bereiche Kulturpolitik, PR und Vermittlungsarbeit an.

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Schwules Museum © Robert M.

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