Stürmische Zeiten brauchen ein mutiges Theater – Der Dschungel Wien

Ein Beitrag von Ulli Koch

„Denn Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder nach Belieben auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert.“

Richard v. Weizsäcker

Seit 2004 gibt es das Theaterhaus für ein junges Publikum und seit diesem historischen Gründungsmoment begleitet der Dschungel Wien Menschen, vom Kleinkind bis zur Großelterngeneration. Seit September wird der Dschungel von Corinne Eckenstein geleitet, die das Theaterhaus als einen Ort verstehen will, der „nie stillsteht, aber innehält“. Ein Widerspruch? Mitnichten. Vielmehr geht es darum Kindern und Jugendlichen eine Plattform zu bieten, einen geschützten Rahmen quasi, der es ihnen ermöglicht sich mit ihrer eigenen Lebensrealität auf einer anderen Ebene auseinanderzusetzen.

Konkret bedeutet das, so Corinne Eckenstein im Gespräch, Kindern und Jugendlichen einen Freiraum zu bieten, wo sie andere Perspektiven einnehmen und diese mit anderen Menschen durchdenken können. Das Publikum konsumiert nicht einfach ein Theaterstück, sondern – durch das Wegfallen der sogenannten vierten Wand – ist Teil des Bühnengeschehens. Zentral dabei sind zwei Punkte: Erstens Menschen, die in der Gesellschaft marginalisiert werden, eine Stimme zu geben und zweitens andere Sichtweisen auf Themen und gesellschaftlich-soziale Herausforderungen zu zeigen, die neue Möglichkeiten aufmachen. Corinne Eckenstein betont im Gespräch, dass es dabei „nicht um eine Problemzentriertheit geht, sondern wie denken, fühlen oder leben Menschen unterschiedlichster Herkunft, Denkweisen, Geschlecht, Religion, usw.“.

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© Rainer Berson

Partizipation als selbstermächtigender Prozess

Erreicht werden soll dies durch einen partizipativen Ansatz, der Kinder und Jugendliche dazu einlädt Theater aktiv mitzugestalten. Ein gutes Beispiel dafür sind die Theaterwild:Werkstätten, in denen ein konkretes Stück erarbeitet und anschließend auf der Bühne gezeigt wird. Doch auch hinter der Bühne gibt es ausreichend Platz und Freiraum, sei es für den Blog zu schreiben, als junge Kritikerin/ junger Kritiker zu fungieren oder Behind the Scenes Videomaterial zu sammeln und Schauspielende, Regie und Technik bei der Arbeit zu beobachten.

Hinter all dem verbirgt sich eine Haltung, die Kinder und Jugendliche in ihrer jeweiligen Lebensrealität ernst nimmt, sie anerkennt und nicht versucht mit dem überspitzt formulierten pädagogischen Holzhammer eine gewisse Form aus ihnen rauszuschlagen. Ein näherer Blick auf den aktuellen Spielplan verrät vielmehr, welch große Rolle Widerständigkeit spielt, sei es in der Figur von Pinocchio, der den geraden Weg verlässt, oder in der Form der Blutsschwestern, die sich den Bühnenraum mit viel Selbstbewusstsein tanzend erobern. Körperliches Ausdrucksvermögen nimmt ebenfalls einen zentralen Stellenwert ein, wie bspw. bei Baja Buf, bei dem Kinder zwischen 10 und 24 Monaten an einer interaktiven Performance teilnehmen, bei der sie die Bewegungen der PerformerInnen durch eigene Bewegungen quasi vorgeben und gestalten.

Der sich dadurch öffnende kreative Raum, der für so ziemlich jeden möglichen Interessensschwerpunkt etwas bietet, sorgt mit der gleichzeitigen Anerkennung von Lebensrealitäten zu einem selbstermächtigenden Prozess. Kinder und Jugendliche lernen niederschwellig, interaktiv und mit viel Spaß an der Sache neue Perspektiven kennen und ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten kennen. „Theater kann niemanden retten“, meint Corinne Eckenstein, aber Theater kann Werkzeuge bieten und Anregungen mitgeben, die gesellschaftlich-soziale Herausforderungen bewältigbarer machen.

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© Bianca Traxler

Dezentrale Kulturpolitik

All diese Ansätze sind schön und gut, jedoch bleibt die Frage offen, wer an dem partizipativen Prozess überhaupt partizipieren kann. Strukturelle Ungleichheiten, wie finanzielle Verhältnisse, mangelnder Zugang zu Bildungssystemen und die zunehmende Entfremdung von Zentrum und Peripherie sorgen dafür, dass nicht allen Menschen die Angebote des Dschungels offenstehen. Um dem entgegen zu wirken, startet der Dschungel demnächst die Initiative Zukunftslabore, die Kinder und Jugendliche erreichen sollen, die sonst keinen so einfachen Zugang zu Theater haben. Im Gespräch macht Corinne Eckenstein auf das eigentlich Selbstverständliche aufmerksam: Solche und ähnliche Projekte brauchen schlicht und ergreifend Zeit und Geld. „Viele verstehen das nicht und denken, da geht man dann hin und macht mit den Kindern und Jugendlichen einfach Theater.“ Dieser sehr personalintensive Prozess beinhaltet neben der Akquirierung geeigneter Partnerschulen auch viel Energie und Frustrationstoleranz, bis so ein Projekt am Laufen ist und von Kindern und Jugendlichen auch angenommen wird.

Um dieses und weitere Projekte umzusetzen sucht der Dschungel derzeit SponsorInnen und PatInnen. Letztere ermöglichen mit ihrer PatInnenschaft den Besuch von Theatervorstellungen oder die Teilnahme an den Theaterwild:Werkstätten. Corinne Eckenstein sieht den Dschungel jedoch nicht alleine in dieser Position, schließlich müssen sich alle Theaterhäuser Wiens inzwischen zusätzliche SponsorInnen suchen, die den laufenden Betrieb inklusive Zusatzangebote finanzieren.

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© Rainer Berson

Gesellschaftspolitische Dimensionen

Damit ist auch auf die gesellschaftspolitische Dimension des Dschungels verwiesen. „Es ist“, so Corinne Eckenstein, „jedoch kein Gesellschaftsauftrag, den man so nebenher machen kann. Im Gegenteil, das ist ein wirklich großer Job, dieses Gefühl, dass man als Kunst- und Kultureinrichtung für die Gesellschaft mitverantwortlich ist.“ Der gesellschaftspolitische Auftrag findet sich zudem nicht in offiziellen Dokumenten, sondern wird über die Hintertüre an den Dschungel und andere Kultureinrichtungen herangetragen. Für Corinne Eckenstein ist das trotzdem Nichts, was sie nebenher machen möchte, vielmehr versucht sie, mit dem nächsten Budget und der neuen Spielzeit Impulse in diese Richtung zu setzen.

Nicht vergessen werden darf dabei, dass der Dschungel Kunst produziert, denn „es darf beides, ich darf Kunst machen und Kunst möglichst breit in die Gesellschaft einführen.“ Viele Jahre hing an dem Begriff „Kindertheater“ ein schaler Beigeschmack, wurde es doch als eine niedere oder gar unrelevante Gattung für ein nicht relevantes Publikum, das den Hochkulturbegriff (noch) nicht zu schätzen weiß, gesehen; eine Denkrichtung gegen die sich auch Stephan Rabl mit der Initiierung und Gründung des Dschungels 2004 explizit gewehrt hat und auch wehren musste und die bis heute noch ihre AnhängerInnen findet. „Das, was wir hier machen, ist Kunst für ein junges Publikum und da möchte ich mich nicht schämen, dass ich dieses Wort in den Mund nehme. Und dass die Arbeit, die wir hier tun, nicht nach Pädagogik und all dem klingt, nur damit es noch einen sozialen Aspekt hat.“, meint dazu Corinne Eckenstein. „Für mich ist das ein politisches Statement. Es ist Kunst – und zwar positiv konnotiert. Es muss Kunst sein. Und Kunst selbst ist ein gesellschaftlicher errungener Wert, so wie auch der Feminismus.“

Das Best Practice-Beispiel Dschungel zeigt, Kulturbetriebe stehen heute zwischen dem Spagat einen nicht näher definierten gesellschaftspolitischen Auftrag nachzukommen ohne dafür mehr Gelder auszugeben. Was dabei hilft, sind motivierte MitarbeiterInnen, die mit Leidenschaft ihrer Arbeit nachgehen sowie Wertschätzung und Anerkennung der Führungsperson. Und dann ist da noch Kindern und Jugendlichen beim Wachsen, Nachdenken, Ausprobieren und Widerständig-Sein zu zusehen und ihnen das richtige Werkzeug dafür in die Hand zu geben. „Der Dschungel ist alles was du willst und du daraus machst.“

 

 

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