Was kann Kulturvermittlung? Und warum braucht sie Communities? Das internationale Symposium Kulturvermittlung 2017

 

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© David Visnjic

Ein Beitrag von Ulli Koch 

in Kooperation mit Kulturmanagement Network

Was haben Museen, Ausstellungsräume, Festivals und Theaterhäuser gemeinsam? Sie alle sind Orte, an denen professionelle Kulturvermittlung stattfindet. Und dies immer mit dem hohen Anspruch, gesellschaftspolitisch tätig zu sein und etwas zu bewirken. Umso passender, dass während des Internationalen Symposiums Kulturvermittlung 2017 – zumindest indirekt – die Frage im Mittelpunkt stand, wer daran glaube, mit Kulturvermittlung die Welt retten zu können.

Heterogenität als Chance

Ausgerichtet wurde das Symposium von der NÖKU-Kulturvermittlung Niederösterreich in Kooperation mit dem Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Und so kamen am 27. und 28. Januar 2017 ca. 200 KulturvermittlerInnen überwiegend aus dem deutschsprachigen Raum zusammen, um eine zentrale Frage zu beantworten: Was kann Kulturvermittlung? Prinzipiell, so Birgit Mandel, Leiterin des Bereichs Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim, habe sie die Aufgabe, Zugänge zu Kunst und Kultur herzustellen. Die Herausforderung dabei besteht in der Heterogenität der Beteiligten – BesucherInnen, PädagogInnen, Marketingverantwortliche und auch künstlerische/ wissenschaftliche LeiterInnen. Diese Heterogenität ist definitiv zu begrüßen, aber sie kann auch Hürden herstellen. Die Aufgabe besteht also darin, eine Verbindung zwischen den verschiedenen Interessensgruppen und individuellen Lebensrealitäten aufzubauen. Genau das ist der Punkt, an dem Kulturvermittlung ansetzt. Nach Mandel stellt sie deshalb eine Art Schlichtungsprozess dar.

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© David Visnjic

Gesellschaftspolitische Relevanz

Befördert durch den ästhetischen Genuss, kann Kulturvermittlung zwischen unterschiedlichen Denk- und Herangehensweisen vermitteln. Dabei stellen Emotionen das verbindende Element dar. Gerade diese Verbindung ist es, die Kulturvermittlung eine gesellschaftspolitische Relevanz zuweist, denn so kann – vielleicht auch nur für einen Moment – innerhalb der VertreterInnen einer pluralistischen Gesellschaft eine Gemeinschaft entstehen, die idealerweise auch die Kultureinrichtung einbezieht. Dieser Vorgang, Community Building genannt, ist möglich u.a. durch partizipative Ansätze, die die Menschen dazu einladen, aus der Rolle der passiv Konsumierenden herauszutreten, ihr eigenes kreatives Potential zu entdecken oder ihr eigenes Weltbild zu hinterfragen. Das Kulturvermittlung sich dabei beständig weiterentwickeln und auf die pluralistische Gesellschaft jedes Mal neu eingehen muss, steht dabei außer Frage.

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© David Visnjic

Gemeinsamkeiten finden

Doch wie können und sollen solche Communities entstehen? Durch verbindende Elemente. Für Lutz Liffers, Soziologe, Kultur- und Bildungsmanager, ist der Stadtteil als der Raum, in dem Menschen wohnen, ein passendes Beispiel. Was zunächst simpel erscheint, birgt großes Potential. Ein Stadtteil trägt sowohl die private als auch die öffentliche Sphäre in sich, es ist jener Ort, an dem Menschen sich überwiegend bewegen und Tätigkeiten des Alltags, zumeist auch Berufslebens und der Freizeit ausführen. Die BewohnerInnen setzen sich also zwangsläufig mit diesem Raum auseinander und so kann beispielsweise die Eröffnung einer Stadtteilbibliothek oder die Installation eines Kunstwerks Emotionen wecken und verbindend wirken.

Partizipation! Aber bitte freiwillig und spontan

Was niedergeschrieben einfach klingt, ist in der Realität jedoch nicht immer so einfach umzusetzen. Das zeigt das aktuelle Beispiel der Demonstrationen während der Eröffnung des Kunstwerks „Monument“ am 07.02. vor der Dresdner Frauenkirche deutlich. Während des Symposiums berichtete die Dramaturgin, Kulturvermittlerin und Dozentin am Institut für Kulturkonzepte Susanne Wolfram aus ihrer eigenen Arbeit, dass partizipative Projekte nur mit einer gewissen Spontanität erfolgreich sein können. Schließlich ist nie vorauszusehen, wie Menschen auf Projekte reagieren, mit ihnen interagieren und daran teilnehmen. Gerade dieser prozesshafte Charakter stellt einerseits die größte Herausforderung dar und führt andererseits zu fruchtbaren Ergebnissen. Jedes partizipative Kulturprojekt kann nur auf die Freiwilligkeit der Teilnehmenden aufbauen und muss zugleich ausreichend Anreiz schaffen, um diese Freiwilligkeit überhaupt zu generieren. Wolfram setzt dabei u.a. auf Co-Creation, bei der Laien und Profis zusammenarbeiten. So kann auch von Seiten der Organisation ein Monitoring des künstlerischen Prozesses erfolgen.

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© David Visnjic

Ein besonders schönes Beispiel dafür ist das Filmprojekt „Inside Me“, das am Gymnasium Kenyongasse in Wien umgesetzt wurde. Die engagierte Lehrerin Michaela Götsch hat gemeinsam mit der freischaffenden Künstlerin und Absolventin des Zertifikatlehrgangs Kulturmanagement Verena Faißt SchülerInnen dazu eingeladen einen Film zu produzieren. Insgesamt 59 SchülerInnen waren am Projekt beteiligt und haben von Kamera, Ton, Musik, Schnitt, bis hin zu Schauspiel und Kostüm alles selbst gestaltet. Das dies bei einem so großen, heterogenen Team nicht konfliktlos über die Bühne gegangen ist, kann man sich vorstellen. Und auch für die Projektleiterinnen war dieses Filmvorhaben eine Herausforderung, die sich aber mehr als gelohnt hat. Wesentlich zum Erfolg beigetragen hat die Freiwilligkeit der SchülerInnen an diesem Projekt mitzuwirken, die Spontanität der ProjektleiterInnen und der Wunsch etwas Gemeinsames zu schaffen.

Ergänzend dazu kann der Impulsvortrag von Anne Graswinckel von der Theaterkompanie Tryater verstanden werden. „The journey is more important than the destination“, meint diese und unterstrich den Spaßcharakter von partizipativen Kulturprojekten. Durch Spielen, Ausprobieren, Scheitern und gefeierten Erfolgen kann sowohl bei den Teilnehmenden als auch bei den KulturvermittlerInnen ein Prozess des gemeinsamen Lernens in Gang gesetzt werden. Dabei ist unter Lernen nicht zwangsläufig ein auf Fakten basierender Wissenserwerb zu verstehen, sondern soziale Verhandlungsprozesse und Einblicke in verschiedene Lebensrealitäten. Partizipative Kulturarbeit, so Graswinckel, darf daher nicht kompetitiv verstanden werden. Das eigene (künstlerische) Ego muss hinten angestellt werden, um eine Community des Vertrauens und des Wachsens aufzubauen.

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© David Visnjic

Best Practice – voneinander lernen

Neben all den theoretisch unterfütterten Vorträgen und Impulsen war während des Symposiums ausreichend Platz für Best Practice-Beispiele aus den verschiedensten Kulturbereichen. Was sie alle verbanden, war der Beweis, dass Community Building in der Kulturvermittlung äußerst erfolgreich sein kann. Und sie machten noch etwas Anderes deutlich, nämlich, dass Kulturvermittlung eine stark aktive Komponente innewohnt. Nur wenn sie aktiv auf Menschen zugeht und dabei niederschwellig und auf Augenhöhe kommuniziert, kann sie Menschen erreichen und zur Partizipation anregen. Interaktive Austauschmöglichkeiten, die auf die einzelnen Lebensrealitäten der pluralistischen Community eingehen, ohne diese zu relativieren, schaffen eine gemeinsame Basis, die Raum für Neues bietet.

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© David Visnjic

Ausblick auf 2019

Während des Symposiums wurde jedoch nicht nur nachgedacht und Ideen für die eigene Arbeit gesammelt, sondern auch die Vernetzung und der informelle Austausch wurden gefördert und gelebt. Dies ist vor allem dem Organisationsteam zu verdanken, das mit innovativen Ideen und optimaler Betreuung für Spaß, Abwechslung und sehr fundierten fachlichen Inputs wesentlich zum Gelingen des Symposiums beigetragen haben. Kurzum: Das Jahr 2019, in dem das nächste Symposium Kulturvermittlung stattfinden wird, kann nicht schnell genug kommen.

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Ulli Koch hat zwei Tage lang eifrig getwittert – nachzulesen hier: http://bit.ly/2ljYojl

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3 replies »

  1. Liebe Ulli Koch,

    vielen Dank für diesen Bericht. Interessant, dass es momentan eine Häufung von Veranstaltungen zum Thema Vermittlung zu geben scheint. Unlängst in Düsseldorf, bald in Hamburg.
    Ich habe auf Twitter so ein bisschen versucht mitzulesen, was sich bei euch getan hat. Mein Eindruck war, dass das Digitale keine große Rolle spielte. Was mir jetzt der Bericht auch zu bestätigen scheint. Oder vertue ich mich da? Gerade wenn man solche Begriffe wie Community Building bedient, sollte doch vor allem das Web 2.0 eine große Rolle spielen. Ich würde mir mehr Engagement auch der Vermittler in den sozialen Netzwerken wünschen. Mal schauen, vielleicht bewegt sich da zukünftig auch noch mehr.

    Herzliche Grüße
    Anke aka Kulturtussi

    • Liebe Anke,

      diese Einschätzung kann ich nur bestätigen. Ich war ebenfalls recht erstaunt, dass digitale Kulturvermittlung in den Beiträgen selbst nicht explizit verhandelt wurde. In den Pausen- und Nebengesprächen war die digitale Kulturvermittlung dafür sehr präsent, da doch durchgängig jede Einrichtung oder jedes Projekt auch über Social Media Kanäle, Apps, Websites, etc. mit dem Publikum in Kontakt tritt bzw. diese oder zumindest eine Plattform für die Vermittlungsarbeit nutzt. Vielleicht – und das möchte ich mal einfach so als These in den Raum stellen – braucht es in Hinlick auf digitale Kulturvermittlung ein bisschen eine Bottom-Up Strategie, also dass diese Impulse direkt von den Mitarbeiter_innen im Kulturbetrieb kommen.

      Wir vom Institut für Kulturkonzepte veranstalten am 05. April 2017 wieder unseren Kulturmanagement Tag, der ganz im Zeichen digitaler Marketingstrategien und Vermittlungsarbeit steht. Hier und auf unserer Website kulturkonzepte.at erfahren Sie in Kürze mehr darüber. Wenn Wien also nicht zu weit weg ist, würde ich eine Anreise sehr empfehlen 😉 Wenn nicht: Auch hier werden wir wieder auf Twitter live dabei sein und ich werde einen Nachbericht verfassen.

      Liebe Grüße,
      Ulli Koch

      • Ja, schade, leider ist Wien sehr weit weg. Aber das sind die Vorteile des digitalen Raumes. Ich lese gerne mit!
        Das mit der Bottom-Up-Strategie kann ein Weg sein. Mir würde es gefallen, wenn mehr Kunstvermittler sich im digitalen Raum tummeln und da mitdenken. Letzten Endes ist es aber auch wichtig, dass die notwendigen Ressourcen bereitgestellt werden. Und das geht dann leider wieder nur von oben …

        Auf bald. Herzlichst
        Anke

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