Drei Jahre Vorbereitung. Ein Besuch in der aktuellen Ausstellung der Schallaburg

Ausstellung Islam

Foto: Martina Siebenhandl

Ein Beitrag von Ulli Koch

Islam. Ein relativ diffuser Begriff, den wir alle gut zu kennen meinen, der aber in seiner Vielschichtigkeit nur wenigen bekannt ist. Der Begriff Islam ist, wie der Begriff Christentum, ein Sammelbegriff für verschiedene Religionsgruppierungen, die an einen gemeinsamen Gott glauben. Die genauen Hintergründe darzustellen und ein differenziertes Bild des Islam zu zeichnen, hat sich die Schallaburg in ihrer diesjährigen Ausstellung zum Ziel gesetzt. Katharina Fischer und Ulli Koch haben die Ausstellung besucht.

„Die Vorbereitungen beginnen bereits drei Jahre vor der Ausstellung,“ erklärt Klaus Kerstinger, Pressesprecher der Schallaburg, und ergänzt, dass „die BesucherInnen für das nächste Thema abstimmen können.“ Und tatsächlich: Im Anschluss an die BesucherInnenbefragung können wir aus einer Liste jenes Thema auswählen, das wir gerne in der nächsten Ausstellung sehen würden. So war es auch bei der Ausstellung zum Islam und zeigt noch einmal deutlich, dass dieses Thema in der westlichen Gesellschaft gerade äußerst präsent und daher auch eine Auseinandersetzung damit dringend notwendig ist.

IllustrationSchubladendenken_C_tuffix.jpg

Schubladendenken © tuffix

So komplex die Aufgabe, so gut wurde sie auch von den KuratorInnen und KultuvermittlerInnen umgesetzt. Thematisch ist die Ausstellung in sieben Bereiche unterteilt: besprochen, bewohnt, beseelt, begrenzt, bekleidet, bedroht, berufen, beliebt. Dies ist nicht nur eine nette Alliteration, sondern auch eine geschickte Vorgehensweise, um einen roten Faden durch die Ausstellung zu spinnen und möglichst alle Bereiche des komplexen Themas Islams zu beleuchten. Es wird sehr viel Wert darauf gelegt jedem der einzelnen Bereiche ausreichend Raum zu geben, um ein so differenziertes Bild wie möglich zu zeichnen.

Unterstützt und befördert wird dies durch Ausstellungsführungen. Pressesprecher Klaus Kerstinger erläutert während der Fahrt von Melk zur Schallaburg, dass an der Konzeption der Ausstellung Menschen aus der islamischen Community beteiligt waren sowie Fachvorträge und Workshops abgehalten wurden. Die intensive Vorbereitungsphase der KulturvermittlerInnen begann ein halbes Jahr vor Ausstellungsbeginn. Der dadurch erlangte ExpertInnenstatus ermöglicht den KulturvermittlerInnen flexibel auf verschiedene Zielgruppen, Altersklassen und Gruppenzusammenstellungen zu agieren. In unserer Gruppe sind zwei verschiedene Generationen aufeinandergetroffen, die beide unterschiedliche Bilder des Islam sowie damit verbundener Vorurteile und Stereotypen mitbrachten. Andrea Hiller, die uns durch die Ausstellung begleitete, hat auf jede Frage oder Unsicherheit sehr kompetent und flexibel reagieren können. Obwohl die Zeit äußerst eng getaktet war, regte sie zu Diskussionen an und griff einzelne Stereotype heraus, um sie differenziert zu betrachten. Da solch intensive Auseinandersetzungen mit einem Thema prinzipiell sehr zu begrüßen sind, wäre es schön, für zukünftige Führungen mehr Zeit anzuberaumen und so auch die Wissensweitergabe und mehrdimensionale Denk- und Herangehensweise für die BesucherInnen noch weiter zu erhöhen.

Buecherregen

Bücherregen, Foto: Ulli Koch

Die Ausstellung selbst ist detailgenau, jedoch auch sehr niederschwellig konzipiert. Neben historischen Hintergrundinformationen und grundlegenden Fakten zu Religion und Religionsausübung, stehen Lebensrealitäten im Zentrum. Durch diese Personalisierung wird der abstrakte Begriff Islam noch greifbarer und kann das gesellschaftspolitische Ziel der Ausstellung greifbarer machen. Denn um was es doch eigentlich geht sind Menschen, die eine Religion ausüben, die von einem gewissen Personenkreis missbräuchlich verwendet wird, um eigene Machtinteressen zu festigen. Besonders wird dies anhand jenes Raumes deutlich, bei dem die BesucherInnen Wohnungstüren öffnen können, hinter denen Menschen und ihre persönlichen Lebensgeschichten gezeigt werden. Dieser Raum setzt an Vorurteilen an, die meist auf äußerliche Wahrnehmungen zurückgehen, und beispielsweise Menschen, die einen Hijab tragen, in eine Schublade zu packen versuchen. Auch die negative Verwendung oder besser gesagt Aneignung des Wortes Islam wird aufgegriffen sowie in Ansätzen dessen Auswirkung auf die Bevölkerung einzelner Länder. So werden Feld- und Notbetten ausgestellt, die in einem Flüchtlingslager verwendet wurden, sowie erfolgt durch eine Zusammenstellung ausgewählter Medien, wie Spiegel oder Profil, eine Reflexion des sogenannten Feindbildes Islam, das durch überwiegend negativ konnotierte Berichterstattungen in westlichen Medien hervorgerufen wird.

Die Einbeziehung der muslimischen Community wird besonders auf der Textebene sichtbar. Zum Beispiel an den Kommentaren, die von ExpertInnen der islamischen Community zu den einzelnen Texten abgegeben wurden. Diese verdeutlichen die Vielschichtigkeit eines Themas sowie die verschiedenen Perspektiven, die Menschen einnehmen können, um sich einem Themenkomplex anzunähern. Die erklärenden Texttafeln erhalten neben deutsch- und englischsprachigen Texten auch Übersetzungen in das Türkische und Arabische – wobei es wünschenswert wäre nicht nur bei dieser Ausstellung dieser Übersetzungspolitik zu folgen, sondern auch bei den Nachfolgenden, um der sprachlichen Realität und Dynamik im westlichen Kulturkreis nahe zu kommen. Fraglich ist nur, warum die oben beschriebenen Kommentare gar nicht übersetzt wurden.

Dudu_Kücükgöl

Dudu Kücükgöl, Foto: Ulli Koch

Durch den reflektierten Umgang mit dem Thema, die Einbeziehung der muslimischen Community und die kompetente Kulturvermittlung wird die Schallaburg ihrem Ziel, ein möglichst differenziertes Bild des Islam zu zeichnen, sehr gerecht. Der niederschwellige Zugang ermöglicht diversen BesucherInnengruppen in das Thema einzusteigen oder bereits bestehendes Wissen zu erweitern. Erfrischend sind die immer wieder vorkommenden Comics der deutsch-tunesischen Comiczeichnerin Soufeina Hamed, aka tuffix. Es ist jedoch ein recht glatter Zugang, den das Schallaburg-Team gewählt hat, der die Widersprüchlichkeiten, besonders bezogen auf die missbräuchliche Aneignung des Islam für terroristisch-machtpolitische Anliegen, nur mit Samthandschuhen angreift. In Summe handelt es sich aber um eine sehr gelungene Ausstellung mit spannenden Herangehensweisen in der Kulturvermittlung.

Die Ausstellung ist noch bis 5. November 2017 in der Schallaburg zu sehen.

Der Besuch auf der Schallaburg konnte mit freundlicher Unterstützung dieser, insbesondere durch Klaus Kerstinger, erfolgen. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf den Inhalt des Textes.

Link zum Video „Stimmen zur Ausstellung ISLAM“ auf der Schallaburg

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Kategorien:Kunstvermittlung

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