Agile Arbeitsmethoden im Marketing

Redaktionsplan

Foto: rawpixel | Unsplash

Ein Artikel von Christian Henner-Fehr

Ich gehöre auch zu den Verfechtern eines Redaktionsplans, weil sie gerade in größeren Strukturen einen Rahmen bilden bezüglich der Inhalte, die im Laufe der Zeit veröffentlicht werden sollen. Früher hatte ich beispielsweise für meinen Blog einen detaillierten Plan, den ich mehr oder weniger streng eingehalten habe. Stieß ich unerwartet auf ein neues und interessantes Thema, reihte ich das meistens hinten ein. Nun plante ich in der Regel nur die nächsten drei bis vier Wochen, sodass die Aktualität der Themen noch so halbwegs gewährleistet war.

Mittlerweile gibt es bei mir nur noch einen groben Themenplan, mit dem ich gut zurechtkomme. Ich bin allerdings auch alleine, im Unterschied zu vielen Kultureinrichtungen. Dort plant man meist sehr detailliert und sehr viel weiter in die Zukunft als ich das je getan habe. Pläne, die ein ganzes Jahr oder eine Spielzeit abdecken, sind da keine Seltenheit, egal ob es um Marketing oder PR geht.

Aber ist das heute noch zeitgemäß? Folgt man der Meinung, die Andrea Fryrear (Agile Sherpas) in ihrem Beitrag „How to 6x Your Output With an Agile Marketing Process“ auf dem Blog von Jeff Bullas vertritt, lautet die Antwort nein. Die meisten Marketer würden, so schreibt sie, die nächsten 90 Tage planen, aber in der digitalen Welt könne in so einem Zeitraum viel passieren. Und darauf sollten Marketing-Teams reagieren, gibt sie sich überzeugt. Deshalb schlägt sie vor, die Marketing-Aktivitäten nicht linear (wir sprechen hier vom „Wasserfallmodell“), sondern in Form von zweiwöchigen Iterationen zu entwickeln und zu planen.

Aber wie sieht das konkret aus? Es gibt ja verschiedene agile Methoden, die eine bestimmte Vorgehensweise festschreiben. Am bekanntesten ist vermutlich Scrum.

agiles marketing scrum

Foto: Oliver Tacke: Scrum Cycle (CC0 1.0)

Die Grafik zeigt recht schön die Funktionsweise. Das Product oder Project Backlog ist eine Art Lastenheft und beschreibt die Anforderungen an das Produkt beziehungsweise das Projekt. Die einzelnen Arbeitsschritte werden im Sprint Backlog festgehalten, das die einzelnen Aufgaben enthält und immer wieder Änderungen unterworfen ist. Festgehalten wird darin auch, welche Aufgaben bereits erledigt und welche noch offen sind. Je nach Größe des Vorhabens kann ein Sprint bis zu 30 Tagen dauern. Im Daily Scrum, dem täglichen Scrum-Meeting wird nur kurz besprochen, wer was an diesem Tag macht. Deshalb dauern diese Treffen auch nur ein paar Minuten.

Diese Arbeitsweise passt in der Regel nicht in die Strukturen und Prozesse, in und mit denen Kultureinrichtungen arbeiten. Deshalb glaube ich ehrlich gesagt nicht, dass Scrum der ideale Ansatz ist, um eine Kultureinrichtung agil werden zu lassen.

Viel hilfreicher ist in meinen Augen Kanban, eine Form der Prozesssteuerung, bei dem die Aufgaben nicht zugewiesen werden, sondern von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern selbst gewählt und in Angriff genommen werden. Roland Lindner beschreibt in seinem Beitrag „Kanban: Die Kunst des guten Marketing Management“ im Mediaworx-Blog recht schön, wie man Trello für diese Vorgehensweise einsetzen kann.

Trello Kanban Board

Kanban Board (Trello)

In einem Board werden drei Listen erstellt, Backlog, In Progress und Done. Ausgangspunkt ist wieder das Backlog, in dem alle Aufgaben, die erledigt werden müssen, gesammelt werden. Alle, die in das Projekt oder die Kampagne involviert sind, suchen sich nun die Aufgaben heraus, die sie angehen, wodurch diese in die In-Progress-Liste wandern. Ist eine Aufgabe erledigt, wandert sie in die Done-Liste. Mit am wichtigsten – gerade im Kunst- und Kulturbereich – ist das sogenannte WIP-Limit:

„Mit dem Work in Progress Limit regelt man die maximale Anzahl an Arbeiten, die sich in Bearbeitung befinden dürfen. Wird diese Anzahl überschritten, sind Teammitglieder aufgefordert, erst eigene Arbeiten fertigzustellen und dann anderen Teammitgliedern zu helfen, bevor neue Aufgaben gestartet werden,“

schreibt Lindner in seinem Blogbeitrag. Der Charme dieses Ansatzes liegt darin, dass die Aufgaben nicht zugewiesen werden, sondern jede und jeder entscheiden kann, welches die nächste zu erledigende Arbeit ist. Soll die Zusammenarbeit funktionieren, wird man sich überlegen, was die Teamkollegen und -kolleginnen denn am ehesten brauchen, welche Aufgabe am wichtigsten ist. So entsteht erstens ein Klima, in dem man füreinander arbeitet und zweitens verlieren die involvierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht das Ziel aus den Augen. Ohne sich die Schritte dorthin vor Augen zu halten und die richtige Reihenfolge der Schritte zu finden, wird sich dieses Ziel vermutlich gar nicht erreichen lassen.

Probieren Sie doch einfach mal diese Vorgehensweise bei Ihrem nächsten Vorhaben aus, egal ob es um den Redaktionsplan oder Ihre nächste Marketingkampagne geht. Ich nutze diese Vorgehensweise mittlerweile für mein Blog, mein WIP-Limit liegt übrigens bei 3 Beiträgen. Wenn Sie wollen, schreiben Sie doch unten in den Kommentarbereich, wie Sie damit zurechtgekommen sind und ob es geklappt hat, auf diese Weise an Ihr Ziel zu gelangen. Vielleicht können Sie auf diese Weise andere ermuntern, es auch einmal zu versuchen.

Christian Henner-Fehr lebt und arbeitet als Kulturberater in Wien. Er betreibt das Kulturmanagement Blog und beschäftigt sich aktuell mit den Themen Content Marketing, Social Media und der digitalen Transformation von Organisationen in den Bereichen Kultur und Tourismus. Außerdem entwickelt er Digitalisierungskonzepte für Städte und Regionen. Am Institut für Kulturkonzepte unterrichtet er unter anderem in zwei Seminaren unterschiedliche Themen zu Onlinemarketing – im Seminar Marketing im Social Web und im Seminar Content Marketing.

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